Begehre ich dich noch?

Es gibt Momente in längeren Beziehungen, in denen diese Frage leise auftaucht. Nicht als Vorwurf. Nicht als Drama. Sondern als innere Bewegung. Als tastende Selbstbefragung.

Und fast automatisch sucht der Verstand nach einer klaren Antwort. Ja oder Nein. Begehren ist da oder nicht da. Wie ein Schalter.

Doch das Erleben ist selten so eindeutig.

  1. In gewisser Hinsicht begehre ich dich. Wenn ich sehe, wie du dich mir zuwendest. Wenn deine Hand wie selbstverständlich nach meiner greift. Wenn ein vertrauter Geruch etwas in mir wachruft, das vertrauter ist als Worte.
  2. In gewisser Hinsicht begehre ich dich nicht. Der Alltag hat Schichten über uns gelegt. Müdigkeit, Gewohnheit, Verletzungen, kleine Enttäuschungen. Manchmal bleibt der Körper still, obwohl der Wille freundlich ist.
  3. In gewisser Hinsicht begehre ich dich – und nicht. Die Erinnerung an frühere Intensität ist lebendig, und zugleich spüre ich, dass etwas sich verwandelt hat. Das Feuer ist nicht mehr Flamme, sondern Glut. Oder vielleicht ist es Asche, unter der noch Wärme liegt.
  4. Und manches entzieht sich überhaupt der klaren Benennung. Ist das, was ich fühle, Mangel? Reifung? Überdruss? Kühle? Finde ich mich nicht mehr attraktiv? Sprache greift daneben. Das Innere ist nicht binär gebaut.
  5. Vielleicht begehre ich dich – und gleichzeitig weiß doch nicht genau, was dieses Begehren heute meint.
  6. Vielleicht begehre ich dich nicht – und doch bleibt etwas besonderes, dass anders ist, als die Abwesenheit von Begehren.
  7. Und vielleicht ist all das auch zugleich wahr.  Dass Verlangen biologisch ist und kulturell geprägt. Dass es kommt und geht. Dass es von Bildern genährt wird und von langer Vertrautheit gedämpft. Dass es Raum braucht – und manchmal durch lange Nähe erstickt wird.

Verlangen ist kein Schalter. Es ist Bewegung. Und Bewegung kennt Zwischenräume.

Die sieben Perspektiven (Saptabhaṅgī-naya), wie sie im Jainismus formuliert wurden, laden ein, diese Gleichzeitigkeit nicht auflösen zu müssen. Nicht jede Empfindung muss zu einem Urteil verdichtet werden. Manches darf mehrdeutig bleiben.

Vielleicht liegt darin sogar eine Form von Reife: Nicht sofort entscheiden zu müssen, ob etwas ist oder nicht ist. Sondern wahrzunehmen, in welcher Hinsicht es da ist – und in welchen nicht. Und wo der Nebel des Unbestimmten zugelassen werden kann.

Das gilt natürlich für viele Themen – nicht nur für Verlangen.

Bitte bedenke, dass Verlangen nur ein Aspekt der Liebe ist. Und wenn du dich dafür entscheidest, dein Verlangen zu kultivieren oder frei von Verlangen zu sein, ist das auch ein Weg.